Unternehmenskultur und Softwareentwicklung
Unternehmenskultur ist das Ergebnis von einer Reihe vergangener Erfolgserlebnisse – das ist eine der besonders interessanten Einsichten, die ich vom ersten Kulturhappen der Corpus 2 mitgenommen habe.
Warum gerade diese Erkenntnis so besonders ist?
Weil sie viele unserer Erfahrungen auf den Punkt bringt. Die Einführung neuer Software baut immer auf einer vorhandenen Kultur auf und diese Kultur ist immer mit gutem Grund da. Mag sie in Anteilen auch problemtatisch oder unverständlich sein, mag sie „inkompatibel“ mit einer neuen, von einer Softwarelösung getragenen Philosophie sein: Die Unternehmenskultur ist das Ergebnis vergangener Erfolgserlebnisse. Die Verhaltensweisen und Prozesse sind aus gutem Grund gewachsen, und wer oder was diese guten Gründe nicht beachtet, hat es schwer.
Unternehmenskultur und der Umgang damit ist ein elementarer Einflussfaktor bei der Einführung neuer Softwaresysteme in eine Organisation. Dies gilt nicht nur, aber insbesondere, für Web 2.0-Technologie, die ja eng verzahnt ist mit der Kommunikationskultur der Nutzer. Web-2.0- Software kann die vorhandene Kultur fördern oder sabotieren, und die vorhandene Kultur kann wiederum die Nutzung einer neuen Software fördern oder sabotieren. Mit der keativen Nutzung oder sträflichen Vernachlässigung des Einflussfaktors Kultur kann ein Softwareprojekt zum Erfolg werden oder scheitern.
Ein Beispiel
Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben. Stellen Sie sich eine Organisation vor, die für ihre Teilbereiche ein gemeinsames Intranet auf Basis von Web 2.0-Technologien aufbaut. Ziel ist die gegenseitige Wahrnehmung von Aktivitäten und gegenseitiger Austausch zu fachlichen als auch nicht-fachlichen Themen. Die Organisation hat ihre gewachsene Kommunikationskultur, die in einzelnen Teilbereichen durchaus unterschiedlich ist. Der Umgang mit digitalen Medien ist noch nicht organisationsweit etabliert und die Möglichkeiten eines Intranets können noch nicht von allen realistisch eingeschätzt werden.
Das ist an sich gar nicht weiter tragisch, sondern ein – zumindest heutzutage noch – fast alltägliches Phänomen. Problematisch würde es erst dann, wenn die Wechselwirkungen zwischen der vorhanden Kultur und der neuen Technologie nicht berücksichtig würden.
Zum Beispiel kann das ganze Projekt scheitern, wenn Engangement, kultureller Wandel und Technologieentwicklung nicht synchron laufen. Stellen Sie sich vor, nur zwei der Teilbereiche haben in der Vergangenheit gelernt, dass sie nicht miteinander kooperieren können oder wollen. Wer will erwarten, dass sie es tun, nur weil es ein neues Intranet gibt? Wenn nicht um Kultur und Technologie gleichzeitig gerungen wird – z.B. indem auf der organisatorischen oder kulturellen Ebene Anlässe zur Annäherung und Kooperation gesucht und auf der technischen Ebene sehr sorgsam die Anforderungen hinterfragt werden – wird es die neue Technologie stets schwer haben.
Aus der Perspektive der Softwarentwicklung bleibt festzuhalten: Anforderungen an eine Software leiten sich nicht nur aus Funktionswünschen und Arbeitshandlungen ab, sondern aus unternehmenskulturellen Gegebenheiten – dies gilt natürlich insbesondere für Kooperationsplattformen.
(“Kulturhappen” ist eine Veranstaltungreihe von Corpus 2.)
Dr. Dorina Gumm
effective webwork GmbH